Ökostrom trifft Blockchain: Berliner Startup Lition nutzt dezentrale Datenbanken, um Kraftwerke und Endkunden zu verbinden

Bei Lition sollen alle profitieren: Ökostrom-Kraftwerke können ihre Energie zu besseren Konditionen verkaufen als auf dem freien Markt. Endkunden freuen sich über besonders günstige Strompreise. Warum das Geschäftsmodell des Berliner Startups trotzdem funktioniert und welche Rolle Blockchain-Technologie dabei spielt, haben wir von Chief Operating Officer Dr. Kyung-Hun Ha erfahren.

Kyung, Lition ist ein Blockchain-basierter Energieversorger. Kannst du für unsere Leser kurz berichten, wie das Zusammenspiel aus Energieversorger und Blockchain-Technologie funktioniert?

Sehr gern. Wir haben im Dezember 2017 gegründet. Zum einen arbeiten wir bei Lition an einer einzigartigen Blockchain-Technologie, die aufgrund ihrer Features prädestiniert für die Verwendung in Unternehmen ist. Zum anderen treten wir mit der Lition Energie GmbH als lizenzierter Energieversorger auf und bieten in diesem Kontext ein Peer-to-Peer Energy Trading zwischen Kunden und Produzenten an. Jeder Energiehandel kann bei Bedarf auf unserer Blockchain einfach, transparent und unter Beachtung höchster Sicherheitsstandards nachvollzogen werden.

Woher kommt euer besonderer Fokus auf das Thema Energie?

Das ist die Branche, in der wir in den letzten Jahren beruflich unterwegs waren. Ich habe in unterschiedlichen Führungspositionen bei Energieversorgern gearbeitet. Bei Vattenfall lernte ich meinen Partner Richard Lohwasser kennen. Wir stellten damals fest, dass wir beide Tech-affin sind und eine Unternehmermentalität mitbringen. Die Idee, Kunden direkt mit Energieproduzenten zu verbinden, ist in Deutschland noch relativ neu. Wir waren sicher, das ist etwas, womit man den Energiemarkt wirklich revolutionieren könnte, wenn man es richtig umsetzt.

Welche Meilensteine habt ihr schon bewältigt?

Wir haben die Firmen aufgebaut und Partnerschaften, z.B. mit SAP oder der GASAG, geknüpft. Inzwischen hat Lition zehn feste Mitarbeiter in Berlin und zehn freie Entwickler in Weißrussland. Als Energieversorger sind wir seit Anfang Juni 2018 auf dem Markt. Unser Fokus lag allerdings zunächst auf der Blockchain-Technologie. Mit der aktiven Akquise für unseren Energieversorger haben wir seit 2019 begonnen. Trotzdem konnten wir schon Kunden aus über 100 Städten durch Word-of-Mouth gewinnen. Aktuell schließen wir sukzessive weitere Ökostrom-Produzenten an, um unseren Kunden echten Grünstrom aus ihrer Region zu bieten

Eine Besonderheit bei Lition ist, dass man sich quasi jeden Tag aussuchen kann, von welchem kooperierenden Ökostrom-Kraftwerk man seine Energie bezieht. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass die wenigsten Kunden sich dafür wirklich Zeit nehmen möchten.

Das ist richtig. Im Schnitt wechselt zwar jeder dritte Kunde sein grünes Kraftwerk in den ersten zwei Wochen. Aber an und für sich möchten sich die meisten nicht wirklich großartig mit dem Thema Energie auseinandersetzen und ihr Kraftwerk regelmäßig wechseln. Priorität hat für die Kunden, dass ihr Strom nachhaltig produziert wird und sie ihn zu einem fairen Preis erhalten. Aus diesem Grund wählen die meisten Lition-Kunden einmal ihr Kraftwerk oder entscheiden sich einfach für unseren unschlagbar günstigen regionalen Standardstrom. Dann bleiben die Konditionen konstant. Bei Lition hat der Kunde die Wahl und es herrscht Transparenz hinsichtlich der Energieproduzenten. Unsere Kunden erhalten echten Grünstrom zu günstigen Preisen. Das gab es so noch nie.

Bei euch dürfen die Kraftwerke sogar einen kleinen Aufpreis pro Kilowattstunde erheben. Auf der anderen Seite erhalten eure Kunden immer noch günstigere Konditionen als bei vielen klassischen Energieversorgern. Wodurch ist das möglich?

Das liegt vorrangig daran, dass wir sehr schlanke Prozesse haben und mithilfe der Blockchain-Technologie Mittelsmänner wie die regionalen Strombörsen, die normalerweise zwischen dem Energieversorger und dem eigentlichen Stromproduzenten liegen, umgehen können. Wir sind quasi selbst dieser Marktplatz und übernehmen das ganze administrative Settlement mit Vertragsmanagement, Kundenservice usw. Zudem sind wir hochgradig digital aufgestellt und haben fast keine papierbasierten Prozesse.

Bei eurer täglichen Arbeit kooperiert ihr nicht nur mit den Kraftwerken, sondern auch mit großen Konzernen. Worauf sollten Gründer vorbereitet sein, die solche Partnerschaften eingehen möchten?

Große Unternehmen sind häufig langsamer. Es gibt viel mehr Regularien und Strukturen zu beachten. Entscheidungen gehen durch verschiedene Abteilungen, deren Interessen nicht immer mit den eigenen übereinstimmen. Und Entscheidungen werden selten kurzfristig getroffen. Konzerne wollen zwar schnell agieren. Sie können es aber oft einfach nicht, weil sie in ihren über Jahre aufgebauten Organisationsstrukturen gefangen sind.

Für Gründer ist es wichtig, dass der Konzern wirklich zum Startup passt. Damit eine Partnerschaft für beide Seiten ertragreich ist, müssen die jeweiligen Zielsetzungen übereinstimmen. Das sollte man vorab dringend prüfen.

Ein entscheidender Faktor für die fruchtbaren Kooperationen bei Lition ist, dass wir konkrete Ansprechpartner haben, die über die tatsächliche Autorität verfügen, verbindliche Entscheidungen zu treffen, und die Kompetenz besitzen, konkrete fachliche Fragen zu beantworten.

Welche Vorteile bieten Startups gegenüber Konzernen?

In einem Startup kann man schneller reagieren und Veränderungen auf verschiedenen Ebenen vornehmen. Gründer müssen sich in vielfältigen Themengebieten auskennen und stetig wechselnde Herausforderungen meistern. Das macht die tägliche Arbeit spannend. In einem großen Konzern kann es passieren, dass du nur ein Rad in einer Maschinerie bist. Das kann sich negativ auf die Arbeitsmentalität auswirken. Das Coolste bei Startups ist, dass du in relativ kurzer Zeit einen großen Impact leisten kannst, der schnell sichtbar und fühlbar ist. Das ist ein sehr befriedigendes Gefühl.

Welche Benefits können beide Seiten aus einer Kooperation ziehen?

Ich denke, Konzerne lernen dabei, dass der Pragmatismus, den Startups manchmal notgedrungen mit sich bringen, auch ein Vorteil für sie selbst sein kann. Konzerne erhoffen sich durch die Zusammenarbeit eine Steigerung der Innovationsfreudigkeit der eigenen Mitarbeiter oder den Zugang zu neuen Technologien, um das eigene Geschäftsmodell zu erweitern oder ihr Produktportfolio zu ergänzen. Der Wissenstransfer ist für Konzerne aber auch Startups ein wichtiger Faktor.

Auf der anderen Seite profitieren Startups durch eine Kooperation auch an einem möglichen Reputationsgewinn und erhöhte Bekanntheit. Konkret kann eine Zusammenarbeit den Zugriff auf hochkompetente und meist teure Ressourcen bedeuten, was unmittelbar in Zeit- und Kostenvorteile für das Startup mündet. Ich sehe aber auch den Vorteil darin, dass Konzerne als verlässliche Partner für Stabilität sorgen und helfen, bewusste statt überstürzte Entscheidungen zu treffen. Das Schöne an Kooperationen ist, dass beide Welten in die andere hineinschnuppern können. Wie gesagt, bei uns ist z.B. alles in der Cloud, wir sind nahezu komplett papierlos. Ich denke, da können wir inspirieren.

Als ehemalige Führungskraft in einem Konzern kannst du uns sicher ein paar Tipps geben, wie man etablierte Unternehmen als Gründer von sich überzeugt.

Die wichtigsten Faktoren sind Kompetenz, Seriosität und Vitamin B. Letzteres führt dazu, dass es für Gründer so wichtig ist, zu netzwerken und den Austausch zu suchen. Für Unternehmen, die gute Startups entdecken wollen, gilt andersherum das Gleiche. Idealerweise hat man als Startup-Gründer schon Erfahrung in etablierten Unternehmen gesammelt. Dann ist man mit den Strukturen und Denkweisen vertraut, kennt die „Konzernsprache“ und versteht, worauf etablierte Konzerne achten.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Früher habt ihr bei Vattenfall gearbeitet, heute vertreibt ihr Ökostrom. – An welcher Stelle habt ihr denn euer grünes Gewissen entdeckt?

Ich habe zwei Kinder, Richard hat auch einen Sohn. Du siehst die Welt einfach anders, wenn du Vater wirst und Verantwortung für zukünftiges Leben trägst. Vielleicht mag mancher das als sentimental empfinden, aber ich frage mich heute wirklich: „Wie kannst du einen guten Footprint in der Welt hinterlassen?“

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